Freitag, 20. Februar 2015

Gesprächskultur, Höflichkeit und Kindererziehung

Um die amerikanische Höflichkeit ging es ja schon einmal in Ansätzen. Aussagen wie "how are you?" und "I like your earrings/sunglasses/coat/shoes..." gehören zu fast jedem Gespräch ganz automatisch mit dazu.
Auch auffällig: Die Amerikaner(innen?!) reden gerne vor versammelter Mannschaft (in der Kindergartentür, in der BBM-Gruppe etc.) über ihre kleinen und auch großen Probleme. Scheidungen, Sterbefälle, Schwangerschaftswünsche, all diese Themen werden jedem Dahergelaufenen ganz selbstverständlich erzählt. Dieser antwortet dann meist ein paar höfliche, mitfühlende Floskeln und fragt, ob auch alles in Ordnung sei, Hilfe erwünscht ist o.ä. Und dann zieht man seiner Wege.
Da bewährt sich wirklich das Kokosnuss-/Pfirsichmodell: Niemals würden wir Deutschen (Kokosnüsse) in der Kindergartentür allen Leuten von unseren privatesten Erlebnissen erzählen, dafür aber sehr gerne mit einer Freundin einen ganzen Nachmittag darüber quatschen, oder?
Die Amerikaner (Pfirsiche) erzählen es einfach sofort jedem, dafür werden Gespräche meist nie wirklich in die Tiefe gehen, sondern immer höflich, freundlich vor sich hinplätschern und dann auch versiegen, da ja schnell alles gesagt ist. 
Auch in der Kindererziehung spielt Höflichkeit eine sehr große Rolle: "Say thank you", "Say sorry", "say thanks for having me"... sind Sätze, die man auf dem Spielplatz oder bei Treffen zu Hause sehr sehr viel hören wird. Am laufenden Band werden die Kinder daran erinnert, höflich und freundlich zu bleiben. An sich keine schlechte Idee. Dazu gehört aber auch, dass die Kinder stets kontrolliert und möglichst "normal" erscheinen sollen. Schon kleine Albernheiten, wie Fratzen schneiden, lautes Gekicher, Herumtoben, eben einfaches Aus sich Herausgehen, werden möglichst schnell unterbunden. Das ist für mich immer noch verwunderlich und schwierig, damit umzugehen. Ich finde es wichtig, dass die Kinder albern sein können und einfach sie selbst sind. Manchmal habe ich selber Lust, mit ihnen herumzualbern oder ihnen beim Quatsch machen zuzusehen (natürlich so lange sich keiner verletzt, ärgert o.ä.). Aber so etwas ist hier oft nicht möglich. Die Kontrolle soll jederzeit gewahrt werden, was Treffen mit amerikanischen Kindern und Eltern manchmal erschwert. Soll ich meine eigenen Kinder stets zur Zurückhaltung ermahnen, um nicht aufzufallen, oder stehe ich dazu, dass es bei uns ein bißchen anders zugeht? Bis heute bin ich unsicher und auch immer mal wieder enttäuscht, wenn manchmal der Spaßfaktor auf der Strecke bleibt oder Gespräche doch nie wirklich an Tiefe gewinnen. 
Das musste mal raus. ;-) KansasDad findet, es klingt ein bißchen besserwisserisch. Ist es aber nicht gemeint. Es soll einfach mal den Unterschied der Kulturen aufzeigen...
Welche Erfahrung habt ihr im Ausland/ in Amerika gemacht?

Kommentare:

  1. ..ich glaube, man kann einfach nicht erwarten, nach 6 Monaten richtige Freunde gefunden zu haben. Auf jeden Fall wäre es sehr aussergewöhnlich - Freundschaften brauchen Zeit.

    AntwortenLöschen
  2. Mich würde mal interessieren, wie die (amerikanischen) Kleinen sich verhalten, wenn sie ohne Eltern bei Euch sind und Ihr/ die Kinder dann Quatsch macht/ machen und das nicht sanktioniert oder negativ kommentiert wird. Sind sie dann schon unsicher oder drehen sie dann besonders auf, wenn sie merken, dass man bei Euch ruhig mal albern kann? Oder genießen sie es vielleicht?
    Ich glaube, wenn man den Kindern kommuniziert, dass man merkt, dass das jetzt Quatsch und kein Ernst ist und Quatsch jetzt auch ok ist, hat man einen Rahmen gesetzt und damit auch die Grenzen.Vielleicht befürchten manche Eltern, dass tobende oder albernde Kinder nicht mehr zu bändigen sind...das gibt es ja bei uns auch. Also, ein bisschen Selbst- und Kindvertrauen zeigen - und ruhig ein gutes Alternativ-Modell sein...;). ..und freundlich kann man ja trotzdem bleiben...
    meint ...eine deutsche Kinder-Psychologin...

    AntwortenLöschen
  3. ich finde es eigentlich angenehm das Kinder hier nicht kreischen auf Spielplätzen und Hauen und rangeln nicht als " normal" betrachtet wird. Meine Kinder haben trotzdem Spass und entfalten sich prima - spielen stundenlang draussen, sind kreativ ... Aber wissen dass Spass nicht unbedingt Rangeln und Kreischen bedeutet. Ist für mich eher ein angenehmer Kultureller Unterschied. Wenn ich hier mit meinen Kleinen auf den Spielplatz gehe und da Teenager " rumhängen" weiss ich z.B. dass die meist sehr rücksichtsvoll Kleinen gegenüber sind - und in den Schulen werden Pausenhof Schlägereien nicht einfach mit " das sind halt Jungs" abgetan sondern es wird aktiv am friedlichen zusammenleben gearbeitet. Als ich vor ein paar Jahren in Deutschland war ist mir unangenehm aufgefallen wie laut und teilweise grob Deutsche Kinder miteinander umgehen. Da wird geschubst und geschrieben - getreten und an den Haaren gezogen - das finde ich nicht Teil der "Selbstverwirklichung"!

    AntwortenLöschen