Dienstag, 13. Oktober 2015

Von Trauer, Gemeinschaft und Mealtrains

Heute geht es um ein sehr ernstes und interessantes Thema:
Den Gemeinschaftssinn der Amerikaner! Ja, er ist wirklich so ausgeprägt, wie man sagt!
Besonders merke ich dies in meiner BBM (Building Better Moms) Gruppe. Keiner wird außen vorgelassen. Jeder wird jederzeit einbezogen und informiert. Wenn jemand ein Baby bekommt, wird ein sogenannter "mealtrain" eingerichtet. Jeder der möchte, kann freiwillig daran teilnehmen und der frischgebackenen Mutter mindestens eine warme Mahlzeit nach Hause bringen.
Wenn also 10 Mütter mitmachen, bekommt die Mutter an zehn Tagen warme Mahlzeiten nach Hause geliefert! Das finde ich ganz schön cool und praktisch! Was gibt es im stressigen Alltag hilfreicheres, als ein warmes und leckeres Essen, direkt nach Hause geliefert?!?
Und nun muss ich euch von einem wirklich sehr traurigen Erlebnis erzählen, welches sich hier vor einiger Zeit abgespielt hat: Eine Mutter, die ich sowohl aus der Preschool, als auch aus der BBM Gruppe kenne, hat (vor einem knappen Jahr) durch einen tragischen häuslichen Unfall ein Kind verloren. Es war alles sehr sehr traurig. Was ich aber erzählen möchte ist, wie die Amerikaner mit einer solchen Situation umgehen:
Zunächst einmal bat die Familie von Herzen darum, dass JEDER, der sie auch nur ansatzweise kennt, bitte zur Beerdiung kommen möge, um sie zu unterstützen und Abschied zu nehmen. Undenkbar in Deutschland: Hier zieht man sich zurück, als Außenstehender möchte man sich nicht aufdrängen oder stören.
Von der BBM Gruppe sind rund 30 Mütter erschienen, jede mit einer angesteckten rosa Rose, die eine Mutter extra angefertigt hatte. Es wurden uns von der Kirche Gesprächsrunden angeboten und dann wurden Wohltätigkeiten für die Familie organisiert. Der Mealtrain war selbtverständlich dabei. Dann bekamen sie einen riesigen Geschenkkorb, mit vielen teueren Geschenken und Gutscheinen, außerdem wurden unzählige Spenden gesammelt, die für ein besonderes Andenken des verstorbenen Kindes (der Teil eines neuen Glasfensters in der Kirche) gedacht waren. Die Amerikaner haben großzügig und reichlich gespendet! Und weitere Mails wurden verschickt, wie wir die Familie persönlich unterstützen können.
Dann war da aber noch die Preschool: Am Tag der Beerdigung wurde sie geschlossen, da alle Lehrer an der Beerdigung teilnehmen wollten. Auch viele Eltern und Kinder waren da (für die Kinder gab es aber eine extra Kinderbetreuung). Auch hier wurden Spenden für das Glasfenster gesammelt, sowie für einen Baum, der im Garten der Schule gepflanzt wurde. Eine Liste ging herum, auf der man sich eintragen konnte, für besondere Dienste (z.B. hat jemand der sich im Finanzwesen auskannte, Rechnungen und Papierkram der Familie mitbearbeitet, um ihnen vieles abzunehmen).  
Es ist wirklich interessant, wie unterschiedlich mit Trauer in verschiedenen Kulturkreisen umgegangen wird.
Und nun muss ich euch unbedingt noch erzählen, dass ich selber schon einen Mealtrain organisiert habe: Eine inzwischen sehr gute Freundin hatte eine schwierige Operation und war mehr oder weniger an das Bett gefesselt. Und ich kam mir, hier im sozialen Amerika wirklich unmöglich vor, nicht zu helfen (neben Blumen, Karten und dem Üblichen eben). Da sie in unserer Preschool sehr beliebt ist und immer viel für die Schule und andere tut, habe ich nicht gezögert und an die Preschoolklasse unserer Kinder gemailt, wer beim Mealtrain dabei sein will. Und siehe da: Für zwei Wochen war die Familie mit Essen versorgt. Zum Teil durfte ich dann noch Fragen beantworten, wie das mit den meals genau funktioniert und kam mir wie eine waschechte Amerikanerin vor! ;-)
Es mag komisch erscheinen, umständlich oder in Deutschland (zumindest in großen Städten) organisatorisch fast unmöglich. Trotzdem finde ich diese Art des gegenseitigen Helfens wirklich hilfreich und einfach klasse!
Wir Deutschen sind natürlich auch sehr sozial. :-) Aber einige Konzepte (wie hier beschrieben) sind mir eben neu... Was ist eure Meinung/bzw. Erfahrung nach eurer Zeit in den USA oder auch daheim in Deutschland?

Kommentare:

  1. Echt interessant, wie manche Sachen in anderen Ländern einfach anders funktionieren. Von dem Mealtrain habe ich auch schonmal von anderen Bekannten gehört, die ein paar Jahre in Seattle waren.

    Liebe Grüße vom Rhein, Stefan aus K.-Mü.

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  2. Schön und vorbildlich! Schade,dass so eine soziale Tradition bei uns fast verloren gegangen ist. Denn zur Zeit eurer Urgroßeltern (Anfang des 20.Jahrhunderts) hat es so etwas zumindest in dörflichen Gemeinschaften auch bei uns in Deutschland noch gegeben. Uroma Charlotte (Jahrgang 1915)hat erzählt, dass in ihrer Kindheit nach einer Geburt die Nachbarn der Wöchnerin die "Wochensuppe" ins Haus brachten.
    Prima, dass Du diesen schönen Brauch in eurem Gastland aufgenommen hast - vielleicht können wir alle uns etwas davon abgucken...
    Liebe Grüße aus dem Ruhrgebiet

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  3. Ich erinnere mich, als mein Vater starb, brachte die Nachbarin warmen Griespudding.
    Ja, man sollte es auch in Deutschland machen..

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